Warten auf die Pilzsaison

Pilzkontrolleur André Schnellmann bei der Arbeit.Bild: sma
Pilzkontrolleur André Schnellmann bei der Arbeit. Bild: sma

Baden: Zurzeit gibt es deutlich weniger Arbeit bei der Pilzkontrollstelle. Die extreme Trockenheit hat einen grossen Einfluss auf die Pilzsaion.

Die Temperaturen waren in den letzten Wochen noch wenig herbstlich. Was für Pilzsammlerinnen und Pilzsammler in diesem Jahr aber besonders schwer wiegt, ist die enorme Trockenheit der Böden – es fehlt seit Monaten an Regen. «In der Region war es sehr trocken, deshalb gibt es derzeit sehr wenige Pilzsammler, die zur Kontrolle kommen. Das Myzel zieht sich dann einfach zurück in die feuchteren Bodenschichten», erklärt André Schnellmann von der Pilzkontrollstelle Baden. Gerade die Massenpilze wie zum Beispiel der Steinpilz kommen aktuell viel seltener vor.

Einige Pilzarten vertragen die Hitze problemlos, aber ohne Feuchtigkeit wird es schwierig. Und andere benötigen gerade in der Nacht tiefere Temperaturen, wie es zuletzt in der ersten Oktoberwoche vorkam. «Ein Pilzfruchtkörper besteht zu 90 Prozent aus Wasser. Er kann Trockenperioden überstehen, für die Revitalisierung muss es aber regnen», weiss der Experte, der seit 2001 die Pilzfunde in der Region kontrolliert.

In den letzten Jahren hat Schnellmann festgestellt, dass die Pilze später aus dem Boden spriessen. So fand er vor drei Jahren sogar noch an Weihnachten Pilze.

Römerpilz auf Abwegen

Die Pilzkontrollstelle an der Mellingerstrasse 136 in Baden ist die einzige, die in der Saison jeden Tag geöffnet hat. Im Kanton Aargau ist sie noch obligatorisch. «Einmal eine Vergiftung mit dem Grünen Knollenblätterpilz zu verhindern, finanziert die Kontrollstelle auf Jahre», erklärt Schnellmann vor Ort während der abendlichen Öffnungszeiten.

Dabei kommt nicht nur auf den Tisch, was in der Region wächst. Die Pilzsammlerinnen und Pilzsammler zieht es nach Graubünden, ins Berner Oberland oder in den Schwarzwald. Früher noch mit Körben voller Pilze, heute sind es eher handelsübliche Mengen. Und auch Massenpilze wie Nebelkappe und Hallimasch werden nicht mehr so häufig geerntet. Das hat allerdings mit Erkenntnissen hinsichtlich Bekömmlichkeit und Gesundheit zu tun. «Früher hat man gesagt: Ein Risotto ohne Nebelkappe, ist kein Risotto. Und heute muss es ohne gehen», sagt Schnellmann und verweist auf das Toxin Nebularin, das dafür sorgte, dass der Pilz nicht mehr zu den Speisepilzen zählt.

«Aufgrund des Hitzesommers haben wir aus dem Wettinger Wald einen Kaiserling vorgelegt bekommen. Das ist schon eine Sensation», sagt Schnellmann, denn eigentlich kommt der wohlschmeckende Speisepilz sonst nur südlich der Alpen vor. Um die nicht essbaren Pilze zu erkennen, absolvieren die Kontrolleure regelmässig Weiterbildungen. Schliesslich gibt es allein in der Schweiz über 10000 verschiedene Pilzarten. Im Zweifel entscheiden sich die Kontrolleure dabei stets für die sichere Option: «Wenn der Kontrolleur den Pilz nicht kennt oder er artuntypisch bezüglich Wachstum und Gestalt ist, kommt er einfach weg.»

Während Pflanzenerkennungsapps in den letzten Jahren immer verlässlicher geworden sind, rät Schnellmann bei den Pilzen von den digitalen Helfern ab: «Zur Pilzbestimmung gehören Geruch, Geschmack und Begleiterscheinungen wie der Ort des Wachstums – das ist mit einer App schwierig.»

Den Dreh raus

Die Prüfung zum Pilzkontrolleur absolvierte Schnellmann bereits vor 28 Jahren. Die Leidenschaft für die Pilze entdeckte er als Jugendlicher durch seine Nachbarin, die zufällig Pilzkontrolleurin war. Als Mitglied des Pilzvereins Region Baden lädt er auch Neulinge dazu ein, am Bestimmungsabend vorbeizukommen.

Wer einfach einmal in den Wald gehe, könne unbekannte Pilze in drei verschiedenen Grössen sammeln und vor Ort bestimmen lassen. «Am besten dreht man den Pilz aus dem Waldboden heraus, sodass wirklich alle Merkmale der Stielbasis erkennbar sind», so Schnellmann, der damit vom Abschneiden des Pilzes abrät. Auch bei überalterten und beschädigten Pilzen sollte man vorsichtig sein. «Ich sage immer: Sammelt Pilze, die ihr als Früchte im Laden kaufen würdet.»

In Sachen Geschmack empfiehlt der Experte den rötlichen Reizker, der sich gut auf dem Grill macht, oder den Schwefelporling, der sich ganz ähnlich wie Poulet zubereiten lässt. Letztlich seien die Geschmäcke aber verschieden. Wichtig ist vor allem: «Man muss alle Pilze gut durchgaren.» Ansonsten meldet sich das Kantonsspital am Abend beim Pilzkontrolleur, was durchaus bis zu viermal im Jahr vorkommt.

Trotz der extremen Trockenheit steht noch nicht fest, wie das Pilzjahr 2026 ausfällt. So traut sich der Steinpilz erst aus dem Boden, wenn die Temperatur nachts um die 10 Grad beträgt. «Alle Karten liegen noch auf dem Tisch», sagt Schnellmann. Aber man sollte vielleicht nicht mehr die grossen Mengen erwarten. Zurzeit sollte man vor allem auf der Nordseite eines Berges und nahe von Wasserquellen suchen. «Man weiss nie, was wirklich hinter dem nächsten Baum kommt», sagt Schnellmann über seine Leidenschaft.

 

Pilzkontrollstelle

Der Pilzkontrollstelle Baden sind folgende Gemeinden angeschlossen: Baden, Birmenstorf, Ehrendingen, Ennetbaden, Fislisbach, Freienwil, Killwangen, Neuenhof, Niederrohrdorf, Oberrohrdorf, Obersiggenthal, Remetschwil, Spreitenbach, Wettingen, Wohlenschwil und Würenlos.