Es ist immer der andere

Simeon Schmidmeister und Shirina Marzschesky spielen das frischverliebte Paar.Bild: sma
Simeon Schmidmeister und Shirina Marzschesky spielen das frischverliebte Paar. Bild: sma

Baden: «Der Andere» feierte am vergangenen Freitag im Badener Claquekeller Premiere. Ein Stück über den Raum zwischen der Liebe.

Alles, was es benötigt, um die wahre Liebe am Leben zu erhalten, sind ein paar einfache Regeln. So versprechen sich Jean (Simeon Schmidmeister) und Lucie (Shirina Marzschesky) beim Einzug in die erste gemeinsame Wohnung, dass sie nicht im selben Bett schlafen, sich beim Essen nie gegenübersitzen und sich vor allem nie die Wahrheit sagen. Nach dem Tanz mit den Regalen werden farbgetreu die Einrichtungsgegenstände zusammengelegt – Blau trifft Burgund. Dass die skurrilen Regeln natürlich nicht umsetzbar sind, zeigt sich im Verlauf des Theaterstücks «Der Andere».

Vergangene Woche lud das vierköpfige Theaterteam um Regisseur Oliver Kühn in den Badener Claquekeller zur öffentlichen Probe. Gezeigt wurden drei Szenen und mögliche Variationen des Endes, bevor am Wochenende gleich drei Vorstellungen an drei Abenden stattfanden.

Zwischen den Zeilen

Die Dialoge im sehr betonten Hochdeutsch hallen in schneller Abfolge durch das Kellergewölbe. Abwechselnd wirft sich das Paar Jahre nach dem Zusammenzug die Unzulässigkeiten vor, während die Eskalation des Streits zeitgleich erfolgt. Dann lässt Jean überall seine Wäsche herumliegen, während zugleich die Schwiegermutter jedes Wochenende auf der Matte steht. Und er stört sich bereits an Lucies blossem Lächeln: «Sie glaubt, dass Modernsein bedeutet, kein Herz zu haben.»

Für die Adaption von der Theatergruppe Tres wurden den Figuren Namen gegeben, aber eigentlich sollen sich alle Zuschauenden in den Figuren wiedererkennen. Im dritten Mitspieler, der Titelfigur (Emanuel Gfeller), sieht Jean einen Freund und Lucie eine neue Chance auf das Verliebtsein.

«Man muss bei dem Stück in die Psychologie hinein, zwischen den Zeilen lesen und darf sich nicht blenden lassen», erklärt Regisseur Oliver Kühn, der die Rolle des anderen selbst vor genau zehn Jahren auf der Bühne gespielt hat. Um auf eine kürzere Spielzeit von etwa 80 Minuten zu kommen, wurde bewusst Text aus dem dialoglastigen Stück weggelassen – wovon einiges der Übersetzung aus dem Französischen geschuldet ist.

Von Wünschen und Träumen

Die drei Schauspielenden kannten sich von der Zürcher Musicalschule & Schauspielschule (Samts). Die Proben begannen im Februar, mit einer Blockwoche im Sommer und dem Vollzeitendspurt in den letzten zwei Wochen. «Als wir anfingen, waren die Rollen noch vertauscht», erzählt Simeon Schmidmeister kurz vor der Probe. Bei der Leseprobe übernahm er dann die Rolle des zweifelnden Partners. «Man arbeitet sehr eng zusammen und ist nicht immer einer Meinung. Man reibt sich aneinander, aber daraus kann wieder etwas Schönes entstehen», so der Schauspieler über das Spiel zu dritt.

Hilfe ohne Anleitung bekommt die Figur Jean dabei vom anderen. «Man kann sie sehr human interpretieren – oder ganz anders: als Schatten von ihm, von ihr, von allen. Unsere Wünsche, die ich verkörpern darf», so Emanuel Gfeller über den Reiz der Titelfigur. Denn die Bewertung des Einmischens in die Beziehung, des Fremdgehens und dessen, was Realität und was Traum ist, wird am Ende dem Publikum überlassen.

Die aus Baden stammende Schauspielerin Shirina Marzschesky sieht das Stück als Kaleidoskop, das mit seiner Symbolsprache etwas in uns auslöst. «Alles, was eine Beziehung ausmacht, wird hier entzogen: Nähe, Berührung, Aufmerksamkeit. Das sind menschliche Grundbedürfnisse.» Und Gefühle, nach denen sich auch ihre Figur Lucie zurücksehnt.

Drei Abende am Stück

Die Freude vor der Premiere am vergangenen Freitag war bei allen Beteiligten gross – mit einer gesunden Portion Lampenfieber. Schliesslich war der Claquekeller mit seinen rund 80 Plätzen bereits seit ein paar Wochen ausverkauft. Als grosse Kulturinstitution der Achtzigerjahre freute sich vor allem Oliver Kühn über die Debütbühne. Und auch die beiden anderen Vorstellungen in Burgdorf BE und Rapperswil-Jona SG waren sehr gut besucht, wie der Regisseur nach den Auftritten berichtet.

«Wir haben viele positive Reaktionen zum Spiel, zur Inszenierung und zum Bühnenbild erhalten. Vor allem der Rhythmus und die Kurzweiligkeit des Stücks haben dem Publikum Freude gemacht. Ein Projekt mit grossem Wiederholungspotenzial», sagt Kühn. Denn schon bei der Probe äusserten sich die Koproduzenten vom Theater Tres, dass sie das traumhafte Theaterstück im Jahr 2027 gern noch öfter aufführen würden.

 

Florian Zeller

Die Werke des französischen Dramatikers wurden mehrfach ausgezeichnet. Neben seinen Romanen und Theaterstücken ist Zeller seit 2020 als Regisseur aktiv. Die Adaption seines eigenen Stücks «The Father» brachte ihm den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch und Anthony Hopkins den Oscar als bester Hauptdarsteller ein. «L’Autre», «Der Andere», wird seit 2004 in zahlreichen Versionen aufgeführt.