«Man muss wissen, wen man erreichen will»

Obersiggenthal: Unter dem Label «We love Ludothek» engagieren sich Einwohnende gegen die geplante Schliessung der Ludothek.
Die Ludothek im Schulhaus Bachmatt soll per Ende Juni 2027 schliessen. Dagegen formierte sich in Obersiggenthal Widerstand. Zuletzt übergaben die Initiantinnen und Initianten von «We love Ludothek» 213 Abonnemente für das Jahr 2027 an den Gemeinderat Obersiggenthal. Damit soll aufgezeigt werden, dass es in der Gemeinde ein Bedürfnis für den Betrieb der Ludothek gibt. Hinter der Aktion steht auch Einwohnerratsmitglied David Wick (GLP).
David Wick, Sie sitzen im Einwohnerrat Obersiggenthal. Hat Sie die Entscheidung, die Ludothek aus dem Budget zu streichen, überrascht?
Es hat mich insofern überrascht, dass wir zum Beispiel auch in der Finanzkommission schon lang auf ein strategisches Sparen hinarbeiten. Also, dass man nicht einfach die kleinsten und schwächsten Posten herausstreicht, sondern gezielt überlegt, wie man die Gemeinde wieder finanziell auf Kurs bringen kann – dafür braucht es grosse Entscheide. Man muss wissen, wo man als Gemeinde hinwill, was für eine Bevölkerung man erreichen will, wo man investieren will und worauf man verzichten kann.
Wird aus Ihrer Sicht am falschen Ort gespart?
Das sehen wir bei «We love Ludothek» definitiv so. Die Ludothek trägt viel zur Attraktivität der Gemeinde bei. Für Familien ist es eine wichtige Institution. Und wenn man dort noch weiter abbaut, entwickelt sich Obersiggenthal nicht weiter.
Gehört die Ludothek zu den Kernaufgaben der Gemeinde? Das war ein Argument im Einwohnerrat für die Kürzung.
Nicht zwingend zu den Kernaufgaben, das sehe ich ebenfalls so. Aber im Moment lautet die Frage: Ludothek ja oder nein? Mittelfristig könnte man das Ganze etwa in einen Verein überführen. Ich denke nicht, dass eine Ludothek selbsttragend geführt werden kann, deshalb ist stets eine Form der Unterstützung von der Gemeinde notwendig. Ob die Gemeinde sie selbst betreiben muss, sei dahingestellt.
Wann haben Sie beschlossen, sich mit «We love Ludothek» zu engagieren?
Kurz nach der Kommunikation des Entscheids des Gemeinderats. Die Unzufriedenheit darüber und der Wille, sich zu engagieren, waren auch bei anderen vorhanden.
Wie liefen die Organisation und das Sammeln der Abonnemente?
Es haben sich rasch zehn Personen gefunden, welche sich aktiv engagieren wollen und jetzt im Komitee sind. Danach war es mehr oder weniger ein Selbstläufer, was ich als positives Zeichen deute.
Wie bewerten Sie es, dass Sie das selbst gesteckte Ziel von 200 Abonnementen so rasch erreicht haben?
Natürlich positiv. Mich freut vor allem, dass wir 150 neue Ludothekabonnenten gewinnen konnten. Bis dahin waren es 125 Abonnenten. Wenn man die bisherigen Abonnenten ebenfalls überzeugen kann, dann ist das mehr als eine Verdopplung. Das zeigt ausserdem, dass die Ludothek etwas in Vergessenheit geraten ist. Wir sagen aber auch, dass sich die Ludothek bewegen muss. Es gibt sicherlich ungenutztes Potenzial.
Haben Sie Personen ausserhalb der Zielgruppe angeworben? Menschen, die vielleicht ein Zeichen setzen wollten. Auch weil ein Abonnement nur 15 Franken kostet.
Sicherlich ist der ein oder andere darunter, der nicht zur Zielgruppegehört. Die meisten sind aber Familien.
Haben Sie selbst Kinder, und waren Sie schon vorher Mitglied der Ludothek?
Ja, ich habe zwei Kinder und bin schon länger dabei.
Was wird am meisten ausgeliehen?
Diese Frage habe ich der Ludothek ebenfalls gestellt. Es wird ein Ranking geführt.
Wir machen es so, dass die Kinder und ich auswählen, damit es einen guten Mix gibt. Playmobil läuft natürlich altersunabhängig immer, und wir mögen die Spiele von Smart Games.
Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei der Ludothek?
Es ist nachhaltig im ökologischen und im finanziellen Sinne. Zudem ist es ein starkes Argument, dass man Spiele ausprobieren kann.
Gehört die Ludothek zum Thema der Verdrängung von Gemeinschaftsräumen, die einen nicht zum Konsum zwingen?
Das ist ebenfalls ein Punkt. Die Ludothek organsiert bereits Spielnachmittage, was man sicherlich ausbauen könnte. Weiter könnte man sie besser in die Schule integrieren, den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern bekannt machen. Insgesamt braucht es in der Gemeinde mehr Gemeinschaftsorte.
Welche Rolle spielt der soziale Aspekt?
Hier ist die Herausforderung, dass man die Menschen erreicht, die ihre Kinder jetzt vielleicht lieber vor ein Tablet setzen.
Engagieren sich Uschi Schreiber und Gaby Fessler von der Ludothek im Komitee?
Nein, das machen sie bewusst nicht. Aber sie unterstützen natürlich das Anliegen. Es wurde kommuniziert, dass keine Nachfolgelösung beim Personal gefunden wurde. Das stimmt aber nicht, die Nachfolge steht bereit und würde die Ludothek sehr motiviert übernehmen wollen.
Gibt es etwas, das Sie mit dieser Aktion gelernt haben?
Für uns ist das kein Neuland, da wir uns bereits für die sichere Hertensteinstrasse eingesetzt haben und dort schnell viel bewegen konnten.
Was ich immer wieder neu erfahre, ist, dass je breiter ein Anliegen abgestützt ist, desto besser geht es. Wichtig ist, dass man alle Kommunikationskanäle sinnvoll nutzt.
Was ist der nächste Schritt?
Wir haben die gesammelten Abonnemente übergeben und wirklich gehofft, dass der Gemeinderat den Streichungsantrag zurückzieht, was er aber nicht getan hat. Das bedeutet, dass der Einwohnerrat entscheiden muss. Wir finden das persönlich enttäuschend, weil wir nicht wissen, was wir noch machen können – ausser einer Vorlage liefern für eine gesunde und attraktive Ludothek.
Wie realistisch ist es, dass man Ende Oktober eine Mehrheit im Einwohnerrat findet?
Wir haben eine super Grundlage für einen positiven Entscheid gelegt. Die vielen Abonnemente schaffen Fakten, deshalb bin ich optimistisch.
Mir persönlich ist es wichtig, dass die Gemeinde ein Zielbild erarbeitet, wo man hinwill, und dass dann nicht solche Entscheide auf Kosten der Schwächsten spontan gefällt werden. Es wird stets etwas kosten, das ist uns bewusst.
Das sagt der Gemeinderat Obersiggenthal
Wie bewerten Sie den Einsatz der Initiantinnen und Initianten von «We love Ludothek», die über 200 neue Abonnemente für die Institution gesammelt haben?
Der Gemeinderat nimmt das Engagement der Initiantinnen und Initianten mit Interesse zur Kenntnis. Die Sammlung von über 200 Abonnementen zeigt, dass die Ludothek in Teilen der Bevölkerung auf grosse Wertschätzung stösst und dass viele Menschen bereit sind, sich aktiv für deren Erhalt einzusetzen. Dieses Engagement ist ein positives Zeichen für das gesellschaftliche Leben in unserer Gemeinde. Bei der politischen Beurteilung muss jedoch berücksichtigt werden, dass zuletzt nur 91 Haushaltungen aus Obersiggenthal über ein Abonnement verfügten. Damit nutzte lediglich knapp 1 Prozent der Gemeindebevölkerung das Angebot regelmässig. Der Gemeinderat ist deshalb verpflichtet, neben der Wertschätzung für die Ludothek die finanzielle Gesamtsituation und die Breitenwirkung von Angeboten zu berücksichtigen.
Wie steht der Gemeinderat zum Angebot der Ludothek in Obersiggenthal?
Der Gemeinderat steht dem Angebot der Ludothek grundsätzlich positiv gegenüber. Die Ludothek leistet seit vielen Jahren einen wertvollen Beitrag für Familien, Kinder und Schulen. Der Gemeinderat hat denn auch mehrfach betont, dass der Entscheid zur beantragten Schliessung nicht leichtgefallen ist. Die Arbeit der Verantwortlichen wird geschätzt, und das Engagement war jederzeit spürbar. Dennoch steht die Gemeinde vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Im Rahmen der Budgetberatung 2027 mussten Einsparungsmöglichkeiten geprüft werden. Dabei war auch zu beurteilen, welche Leistungen zu den Kernaufgaben einer Gemeinde gehören und welche Angebote freiwilliger Natur sind. Vor diesem Hintergrund gelangte der Gemeinderat zu dem Schluss, dem Einwohnerrat die Schliessung der Ludothek per Mitte des Jahres 2027 zu beantragen. Die daraus resultierenden Einsparungen von etwa 30 000 Franken pro Jahr würden ab 2028 voll wirksam. Der Gemeinderat ist sich bewusst, dass Einsparungen bei bestehenden und geschätzten Leistungen schmerzlich sind. Angesichts der angespannten Finanzlage erachtet er solche Massnahmen jedoch als notwendig und verantwortungsvoll.