«England hat mich massiv geprägt»

Carolina Stiles alias La Sirena bewegt sich auf den musikalischen Wogen ihrer Emotionen.Bild: zVg
Carolina Stiles alias La Sirena bewegt sich auf den musikalischen Wogen ihrer Emotionen. Bild: ZVG

Die Badener Sängerin La Sirena tauft im Salzhaus in Brugg ihr neues Album und erzählt im Interview, wie «The Sorceress Dreaming» entstand.

Hinter dem Namen La Sirena verbirgt sich die Badenerin Carolina Stiles. Die 48-jährige Sängerin ist eine Kosmopolitin. Sie hat chilenische Wurzeln und wohnte während sechs Jahren in England – vor allem in London –, bevor sie 2025 in die Schweiz zurückkehrte. Nun hat La Sirena ihr neues Album «The Sorceress Dreaming» veröffentlicht.

La Sirena, die Entstehung Ihres neuen Albums ist erstaunlich. Sie haben es in Bristol ohne vorherige Proben eingespielt. Die Arrangements wurden spontan im Studio entwickelt und live aufgenommen. Was war die Idee hinter diesem Vorgehen?

Es fing mit dem Hauptsong des Albums, «The Sorceress Dreaming», an. Ich hatte länger nichts mehr komponiert. Und dem Angebot eines Musikerkollegen aus London folgend, ging ich zu ihm nach Hause, weil er in seinem kleinen Garten ein Studio hat beziehungsweise eher einen Proberaum mit Anlage, Drums, Klavier, Mikrofon und so weiter. Dort konnte ich in Ruhe ein wenig abtauchen, musikalisch sowie persönlich. Am Anfang kam dann nichts, es war sehr frustrierend. Aber als ich bereits aufgeben wollte, schrieb ich diesen 15-minütigen Song «The Sorceress Dreaming». Ich erkannte sofort dessen Potenzial und beschloss, es aufzunehmen – in ganzer Länge. Ein paar Tage später buchte ich ein Studio in Bristol, ohne Musiker engagiert zu haben, und rief gleich Eddie Walker an.

Eddie Walker ist der Schlagzeuger.

Genau, ich kenne Eddie seit 20 Jahren, und wir wollten schon immer gemeinsam etwas aufnehmen. Es ging zunächst nur um diesen einen Song, aber Eddie war begeistert und buchte sofort seinen Flug. Danach fragte ich den Bassisten Dave Ayre an. Ich hatte ihn einmal an einem Konzert in Strout, nördlich von Bristol, gesehen. Ich wohnte damals an dem Ort, einem Hippie-Dörfchen mit sehr erdverbundenen, kreativen Menschen. Dave mochte meine Songs und sagte zu. Erst später erfuhr ich, dass er regelmässig in der Royal Albert Hall auftritt und schon mit Grössen wie Joni Mitchell, Paul McCartney oder U2 gespielt hat.

Die Aufnahmen dauerten nur wenige Tage. War das nicht arg kurz?

Es war Dave Ayres Idee. Ich fand es verrückt und total riskant, aber ich spürte seine Zuversicht, also bereitete ich meine Lieder im Alleingang vor, so gut es ging. Danach nahmen wir alles live in drei Tagen auf. Die Songs wurden in relativ kurzer Zeit angeschaut, dann wurde einfach mal aufgenommen. Wir arrangierten also schnell, und es herrschte eine spezielle, magische Chemie zwischen uns. Die Beiträge von Musikern wie Jean-Pierre von Dach, Brendan Adams oder Timothy Jaromir kamen dann später hinzu.

Sie haben schon einige Alben veröffentlicht, zunächst unter dem Namen Linah Rocio, nun als La Sirena. Wo würden Sie das neue Album in Ihrem Gesamtwerk einreihen?

Ich denke, ich bin mit diesem Album endlich angekommen – vielleicht dank meiner Erfahrung, sicher aber dank den hervorragenden Musikern, mit denen ich die Ehre hatte, zusammen zu spielen und zu arrangieren. Ich denke, ich riskiere heute auch mehr als früher, weil ich verstanden habe, dass es gar nicht um mich, sondern um die Songs geht, die Geschenke sind an mich und die Zuhörenden. Ich bin nur die Brücke. Vom Stil her sehe ich mich heute am nächsten bei PJ Harvey und Fiona Apple. Die Musik ist so etwas wie Indie Pop? Oder Avantgarde Pop? Was meine Musik nicht ist, ist Soul Jazz.

Worum dreht sich «The Sorceress Dreaming» inhaltlich?

Ui, das ist schwierig zu erklären – vielleicht am ehesten um «the dream of life». Das bedeutet, dass auch das Leben selbst träumt. Nicht im Sinne von nachts etwas träumen, mehr im übertragenen Sinn: Alles webt die Realität, Bäume, Insekten, Vögel, Menschen, in letzter Zeit leider ebenfalls die künstliche Intelligenz. Diese Realität lebt von Intentionen und Emotionen. Die Message des Titelsongs ist wiederum: Tragt Sorge zu allem, nicht nur zu euch selbst, weil alles ineinander verwoben ist. Generell sind meine Texte alle biografisch und handeln von meinem Leben und meiner Gefühlswelt. Ich kenne es nicht anders. Ich würde aber gern einmal versuchen, etwas Unpersönliches zu schreiben. Ich habe da bereits Ideen im Kopf.

Sie lebten sechs Jahre lang in England. Denken Sie, Ihre Musik würde anders klingen, hätten Sie die Schweiz nie verlassen?

Auf jeden Fall, England hat mich massiv geprägt, auch weil man in England sehr viel offener ist gegenüber Neuem als hier. Im Studio wollte mich zum Beispiel niemand überzeugen, den Hauptsong zu kürzen. In der Schweiz, könnte ich mir vorstellen, wäre man mir skeptisch begegnet, und der Vibe wäre ruiniert gewesen. Man braucht als Künstlerin Unterstützung – nicht nur von anderen Musikern und Technikern, sondern ebenso von Freunden und der Umgebung. England hat mir diesbezüglich viel gegeben und mir erlaubt, musikalisch mich selbst zu sein, ohne mich zu verstellen.

Viele träumen von der grossen Musikkarriere in London, scheitern aber an der Realität. Wie gehen Sie mit der Gewissheit um, dass die Konkurrenz in der Musikkapitale weit grösser ist als zum Beispiel in der Schweiz?

Hier stellt sich die Frage: Was ist denn die grosse Musikkarriere? Für mich ist es schon grossartig, wenn ich überhaupt etwas kreieren kann. Aber ich verstehe die Frage. Und es ist sehr hart. Ich muss mich von der Frage distanzieren, sonst fange ich an, mich zu vergleichen, und das wäre der Tod meiner Kunst. Denn Kunst ist kein Wettbewerb, selbst wenn es von der Musikindustrie vielleicht so verkauft wird. Musik, Kunst allgemein, ist wie ein Tor, durch das Menschen hindurchlaufen und etwas erfahren können. Sie kann sie verändern, verzaubern – oder auch kaltlassen. Die Realität ist übrigens überall gleich, nur gibt es in London mehr Möglichkeiten, die Leute sind offener. Die Stadt lebt und vibriert. Wenn man das erkennt, macht einem die sogenannte Konkurrenz nichts aus.

Sie sind im vergangenen Jahr nach Ihrem langen Englandaufenthalt in die Schweiz zurückgekehrt und leben seither mit Ihrem Partner in Winterthur. War der Wechsel schwierig?

Zu Beginn sehr, ich wurde sogar depressiv. Mittlerweile habe ich mich jedoch eingelebt.

Ist das Kapitel London zu Ende geschrieben?

Nein, die Möglichkeit, dass ich zurück nach England gehe, besteht durchaus. London wäre super, aber zu teuer zum Leben. Dann also eher wieder nach Stroud. Ich brauche ja auch Natur, um zu überleben. Nur Stadt wäre mir zu viel. Wobei, eigentlich nicht. Es ist einfach zu teuer in London. (Lacht.)

Sie haben chilenische Wurzeln. Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages statt in der Schweiz oder in England in Chile zu leben?

Nicht wirklich. Aber wer weiss, vielleicht im Alter. Ich vermisse Chile schon. Es ist meine Heimat, und mein Herz geht auf, wenn ich dort bin. Ich werde sanft, eine sanfte Frau. Aber ich bin zugleich zu europäisch im Kopf. Ich freue mich jedes Mal, wieder nach Europa zurückzukehren.

Plattentaufe La Sirena: Samstag, 17. Oktober, 20.30 Uhr, Salzhaus, Brugg