Mehl in allen Farben und Körnungen

Birmenstorf: Neues Getreidesilo zum 190-Jahr-Jubiläum

Jeannine Lehmann und Fiona-Weber Lehmann führen die Lindmühle in Birmenstorf in siebter Generation.Bild: sim
Jeannine Lehmann und Fiona-Weber Lehmann führen die Lindmühle in Birmenstorf in siebter Generation.Bild: sim

Birmenstorf: Neues Getreidesilo zum 190-Jahr-Jubiläum

Vor 190 Jahren übernahm die Familie Lehmann die heutige Lindmühle in Birmenstorf. Das wurde gemeinsam mit dem neuen Getreidesilo gefeiert.

Die Lindmühle in Birmenstorf blickt auf eine lange und traditionsreiche Geschichte zurück. Die erste schriftliche Erwähnung der Mühle geht auf das Jahr 1363 zurück. Im Laufe ihrer Geschichte befand sie sich im Besitz der Herren von Trostburg, der Habsburger, der Königin Agnes von Ungarn sowie über lange Zeit des Klosters Königsfelden. Die jüngere Vergangenheit der Mühle ist eng mit der Familie Lehmann verbunden. Seit 1632 betreibt die Familie Lehmann Mühlen und Getreideverarbeitung, ursprünglich in Zofingen und seit nun schon sieben Generationen in Birmenstorf. Dieses Kapitel der Familiengeschichte begann 1836, als Lukretia Lehmann nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihren beiden Söhnen Johann und Jakob die Lindmühle an der Reuss in Birmenstorf erwarb. Zur damaligen Anlage gehörten drei Mehlmühlen, eine Ölmühle und zwei Bauernhöfe. Seither wird die Lindmühle von der Familie Lehmann geführt und die Mühlentradition von Generation zu Generation weitergegeben.

Nach einem wechselvollen Auf und Ab in ihrer Geschichte verzeichnete das Unternehmen während der letzten etwa 30 Jahre eine mehrheitlich positive Entwicklung. Heute werden jährlich mehr als 18000 Tonnen Getreide angeliefert und daraus über 350 verschiedene Mehlsorten und Mehlmischungen hergestellt. Dafür läuft die Mühle Tag und Nacht. Seit nunmehr vier Jahren zeichnen die Schwestern Fiona Weber-Lehmann und Jeannine Lehmann für die Geschicke des Familienunternehmens verantwortlich, das rund 40 Mitarbeitende beschäftigt.

Modernisierung am Traditionsstandort

Nach der Übernahme des Standorts in Birmenstorf vor genau 190 Jahren hat sich die Lindmühle kontinuierlich weiterentwickelt. Angefangen mit der Elektrifizierung, wurde die Mühle mit den Jahren laufend modernisiert und erweitert. Ein Prozess, der erst am Wochenende seine bisher letzte Fortsetzung fand. Nach Jahren der Planung und der etwa zweijährigen Bauzeit wurde der Ersatzneubau des Getreidesilos der Lindmühle letzte Woche feierlich eingeweiht – und gleichzeitig das 190-Jahr-Jubiläum gefeiert. Am Freitag und Samstag hatten Kundinnen und Kunden sowie Interessierte Gelegenheit, die neuen Anlagen und die Lindmühle als Ganzes in Augenschein zu nehmen.

Die Familie Lehmann setzt sich beim Betrieb der Lindmühle insbesondere dafür ein, Getreide möglichst regional zu verarbeiten, dadurch Transportwege zu minimieren und die Wertschöpfung in der Region zu halten. Dieser Anspruch zeigt sich auch im Neubau des Getreidesilos. Das neue Silo wurde kürzlich in Betrieb genommen und verfügt über eine Kapazität von ungefähr 5200 Tonnen Getreide. «Mit der neuen Anlage sind nach rund 20 Jahren wieder direkte Anlieferungen von Landwirtschaftsbetrieben möglich», sagt Jeannine Lehmann hocherfreut. «Für meine Schwester und ich sind das frühe Kindheitserinnerungen, wenn Landwirte uns ihr Getreide direkt geliefert haben.» Wegen Lagerungsengpässen war diese Praxis abgeschafft worden, nun wird sie wieder aufgenommen. Dank der 36 Speicherkammern des neuen Silos kann Getreide erneut direkt ab Hof übernommen, regional verarbeitet und eingelagert werden. Gleichzeitig ermöglicht die neue Infrastruktur eine Pflichtlagerhaltung – die Lindmühle gehört zu jenen Betrieben, die im Auftrag des Bundes die Versorgungssicherheit des Landes garantieren sollen – direkt vor Ort. Sowohl der Neubau des Getreidesilos als auch die Getreideannahme werden mit Solarstrom betrieben.

Vielfalt aus der Mühle

In Birmenstorf wird Mehl nach den Standards und Vorgaben von fünf verschiedenen Labels gemahlen: Suisse Garantie, IP-Suisse, IPS pestizidfrei, Bio Suisse und Demeter. Das Getreide und das Mehl für die verschiedenen Labels müssen während des gesamten Produktionsprozesses von der Anlieferung bis zum Abpacken strikt von den übrigen Produkten getrennt sein. «Das macht den ganzen Prozess relativ aufwendig und ist der Grund, weshalb wir im neuen Getreidesilo so viele unterschiedliche Speicherkammern haben», erläutert Jeannine Lehmann. Denn um aus den angelieferten Getreidesorten die fertigen Produkte zu gewinnen, ist es mit Mahlen allein nicht getan. Um für konstante Qualität zu sorgen, werden verschiedene Getreide gleicher Art gemischt. Das ist gerade dann entscheidend, wenn besondere Umwelteinflüsse die Getreideernte eines Jahres geprägt haben. «Die letzten Erntejahre waren für die Landwirtinnen und Landwirte in der Region sowie für uns als Müller herausfordernd», weiss Jeannine Lehmann. «Sei es wegen zu viel Regen oder – wie in diesem Jahr – wegen der grossen Hitze.»

Die technologische Entwicklung der Lindmühle zeigt sich vor allem in der Produktionssteuerung. Die gesamte Mühle wird computergesteuert. Das elektronische Leitsystem erlaubt eine präzise Steuerung der Produktionsprozesse. Gleichzeitig wurden die Rückverfolgbarkeit der Produkte und die Produktsicherheit verbessert. Die Anlage erlaubt es der Lindmühle, auf spezifische Kundenwünsche zu reagieren und besondere Produkte in relativ kleinen Mengen herzustellen.

Direkt über den Verladebalgen befinden sich Zellen, in denen Mehl zwischengelagert werden kann. Sobald ein Lastwagen für die Auslieferung bereitsteht, kann das Mehl aus diesen Zellen verladen werden. Ein Lastwagen mit einem Ladevolumen von 17,5 Tonnen kann so in etwa 20 Minuten beladen. Daneben verfügt die Lindmühle über eine Absackanlage, die bis zu 150 Säcke Mehl pro Stunde abfüllen kann.

Der Weg des Getreides

Anlässlich der feierlichen Einweihung des neuen Silos wurde nicht nur auf das Gelingen des Bauvorhabens angestossen. Für Gäste und Interessierte war ein Rundgang durch die Mühle und insbesondere durch die neuen Teile der Anlage ausgeschildert. Am Freitagabend und am Samstag nutzten zahlreiche Leute aus Birmenstorf und den umliegenden Gemeinden diese Gelegenheit, eine moderne Getreidemühle in Aktion zu erleben.

Von der Anlieferung über die Förderung mittels Kettenförderung und das Mahlen an sich bis zum Sieben und Verladen konnte der Weg vom Getreide bis zum fertigen Mehl nachvollzogen werden. Von Birmenstorf aus wird das Mehl sodann an Bäckereien und Produktionsbetriebe in der ganzen Deutschschweiz ausgeliefert und dort in frische Backwaren verwandelt. Das fertige Mehl kann zudem direkt im Mühleladen sowie im Webshop bezogen werden.