Löcher in der Seele stopfen

Patric Nussli, Leiter Prävention bei der Stadtpolizei Baden, zeigte den Anwesenden auf, was die Polizei bei Zwangsräumungen alles beachten muss.Bild: sim
Patric Nussli, Leiter Prävention bei der Stadtpolizei Baden, zeigte den Anwesenden auf, was die Polizei bei Zwangsräumungen alles beachten muss.Bild: sim

Baden: Pathologisches Horten kann für Betroffene und Angehörige zur grossen Belastung werden. Der Umgang damit ist selten einfach.

Unter dem Begriff Messie können sich wohl die meisten Menschen etwas vorstellen: zugemüllte Räume und das Unvermögen, sich von jeglichen Gegenständen zu trennen. Erst seit elf Jahren ist pathologisches Horten Teil der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der Weltgesundheitsorganisation. Entsprechend sind viele Psychiaterinnen und Psychiater sowie andere Fachkräfte, die potenziell mit betroffenen Menschen Umgang haben, wenig für das Phänomen und dessen Begleiterscheinungen sensibilisiert.

Um dem entgegenzuwirken, fand am Montag im Amtshimmel in Baden ein Symposium zum Thema «Messie-Syndrom und soziale Verwahrlosung» statt. Etwa 60 Fachkräfte aus den Bereichen psychische Gesundheit und soziale Arbeit liessen sich einen Nachmittag lang besser mit dem Messie-Syndrom sowie dessen persönlichen und rechtlichen Konsequenzen vertraut machen. Durch Heranziehen unterschiedlicher Perspektiven, zum Beispiel von Menschen aus der Beistandschaft, Sozialhilfe, Räumungsinstitutionen, Politik und Sozialbegleitung, sollte der Komplexität des Krankheitsbilds begegnet werden. Bei allen Vorträgen und Überlegungen ging es dabei um die Frage, wie es gelingen kann, im Umgang mit Betroffenen die Bedürfnisse und Würde der Menschen zu wahren.

Praktische Einblicke

Nach der Begrüssung durch Estera Hasler vom Sozialwerk Hope in Baden und Claudia Klauser von der Home Assist GmbH in Urnäsch AR führte ihre Kollegin Daniela Zumsteg in das Thema Messie und soziale Verwahrlosung ein. Anschliessend beleuchteten der Unternehmer und FDP-Politiker Adrian Schoop und Lena Schmid-Waldmeier vom Hauseigentümerverband ihre Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen. Lebt eine Person mit Messie-Syndrom in einer fremden Wohnung und erhält keine Hilfe von aussen, endet die Situation häufig in einer Zwangsräumung.

Patric Nussli von der Stadtpolizei Baden erläuterte den Anwesenden das Vorgehen der Polizei in diesen Fällen, die eigentlich immer heikel seien. Dabei sei Unordnung an sich noch kein Delikt, auch wenn sie für direkt oder indirekt Betroffene mühsam sei, betonte der Chef Prävention. Wenn es dann doch zum Äussersten komme, seien zwar wirksame Zwangsmittel vorhanden, diese könnten das zugrunde liegende Problem aber nicht lösen. «Ich mag deshalb den Merkspruch für Zwangsräumungen: juristisch manchmal klar, menschlich selten einfach», brachte Nussli die Problematik auf den Punkt.

Einblick in die Psyche Betroffener und in mögliche Behandlungsformen gab die Psychotherapeutin Danièle Stucki vom Verein Lessmess. Sie grenzte pathologisches Horten als Erstes gegen blosse Unordentlichkeit ab: Ein krankhafter Fall liege erst vor, wenn das Horten zu einer grossen psychischen Belastung führe. Häufig trete das Messie-Syndrom nicht isoliert auf. Viele Betroffene litten demnach zusätzlich unter sozialer Verwahrlosung, einer Depression oder Zwangsstörungen. «Ich habe es noch nie erlebt, dass pathologisches Horten isoliert vorkam», erklärte die Psychotherapeutin. Sie betonte, dass es sich dabei um ein ernst zu nehmendes Leiden handle, denn ohne entgegenwirkende Massnahmen würden Betroffene irgendwann in menschenunwürdigen Zuständen leben.

Auslöser in der Kindheit

Stucki äusserte sich auch dazu, was die Ursache für pathologisches Horten sein kann. Statistische Erhebungen mit betroffenen Personen liessen gewisse Muster erkennen: «Viele Messies sind in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen. hat sich gezeigt, dass Messies in ihrer Kindheit häufig in einer Umgebung lebten, in der es wenig zwischenmenschliche Nähe gab.» Schliesslich habe sich gezeigt, dass viele Menschen, die unter dem Messie-Syndrom litten, zu Perfektionismus neigten. «Die Unfähigkeit, Dinge wegzuwerfen, ist Ausdruck der Angst, dass man genau diesen Gegenstand irgendwann brauchen könnte», erläuterte Danièle Stucki.

Im Umgang mit dem Messie-Syndrom kommt erschwerend hinzu, dass der Therapiewille der Betroffenen in der Regel sehr tief ist. Anders als bei sozialer Verwahrlosung, die Dritten irgendwann nicht mehr verborgen bleibe, würden sich Messies häufig darum bemühen, gegen aussen den Schein zu wahren, wie Stucki erklärte. Häufig sei es deshalb erst der zunehmende Leidensdruck von Angehörigen, der dazu führe, dass Hilfe in Anspruch genommen werde. Dabei ist der frühzeitige Beizug externer Beratungs- und Hilfsangebote die beste Möglichkeit, dem Problem wirksam entgegenzutreten.