«Ich bin am richtigen Ort gelandet»

Martin Hollenstein beim Rotchrüz.Bild: zvg
Martin Hollenstein beim Rotchrüz.Bild: zvg

Untersiggenthal: Martin Hollenstein steht seit 30 Jahren im Einsatz für den Siggenthaler Wald, den er wohl besser als jeder andere kennt.

Arbeitsjubiläen sind gerade im Gemeindebetrieb keine Seltenheit. Dass aber jemand seit 30 Jahren für die Gemeinde tätig ist, kommt in der heutigen Zeit nicht mehr so oft vor. Zumal bei einer so körperlichen Arbeit. Der 1. September war also nicht nur für Martin Hollenstein, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Siggenberg, ein Grund zum Feiern. Ein Znüni in der Waldhütte Rotchrüz mit seinem Team und der Betriebskommission war die erste Überraschung.

Hollenstein begann seine Lehre 1996 im Forstbetrieb Untersiggenthal. 1999 folgte der Wechsel nach Obersiggenthal, bevor beide Organisationen im Jahr 2015 fusionierten. «Dann bin ich wieder dort gelandet, wo ich angefangen habe», erzählt Hollenstein in seiner Waldhütte – immer im gleichen Wald unterwegs.

Zeiten ändern sich

Aus den Anfangstagen erinnert sich der Forstwart vor allem an die Dinge, die man heute nicht mehr macht: Betonarbeiten am Spielplatz, die Pflege der eigenen Baumschule, Brennholz von Hand spalten. «Heute ist es körperlich ein ganz anderer Beruf», berichtet der gebürtige Untersiggenthaler. Die deutlich leichteren Motorsägen unterstützen bei allen Handarbeiten. Ausserdem hat im Wald die Digitalisierung Einzug gehalten, zumindest solange man Empfang hat und der Einsatz sinnvoll ist. «Als ich angefangen habe, hatte der Förster ein Natel – das war modern, aber sonst hatte man Schreibmaschinen», erinnert sich Hollenstein an die Arbeit in den Neunzigern.

2004 absolvierte Hollenstein noch eine Vorarbeiterschulung. Zufällig gab es danach in Obersiggenthal die passende Stelle für ihn. Neben den glücklichen Zufällen sind es das Team und die Arbeitsbedingungen, die ihn so lang im Wald des Siggenbergs gehalten haben. «Wir haben sicherlich viele Freiheiten, die man in anderen Berufen nicht hat», hält Hollenstein fest.

Ein typischer Arbeitstag beginnt für Hollenstein um 6 Uhr morgens. Aufstehen, im Sommer mit dem Velo in den Wald, Kaffee und Zeitung in Ruhe in der Waldhütte, bevor es um 7 Uhr mit einer Teamsitzung für alle losgeht. Die meiste Arbeit bestimmen aber Wetter und Jahreszeit: «Unser Hauptgeschäft ist das Baumabsägen.»

Ausbildungsbetrieb

Neben dem eigenen Forstbetrieb engagiert sich Hollenstein in der Lehrlingsausbildung. Er gibt Kurse in der ganzen Schweiz, kümmert sich um die Abschlussprüfungen und ist mit den eigenen Lernenden im Wald. «Das macht mir viel Spass, und ich sehe dadurch viele andere Betriebe», hält der 46-Jährige fest. Und Förster Christoph Hitz ergänzt: «Alle Festangestellten haben bei uns die Lehre gemacht. Hier hat Martin einen grossen Anteil daran.»

«Ich mag es, jemandem etwas beizubringen, den Fortschritt zu sehen», erzählt Hollenstein über die tägliche Arbeit mit den Auszubildenden. Jeder Tag sei anders, und der Baum wachse eben nicht nach Lehrbuch.

Hitzeschäden

Beim Sturm vom 28. August hat man – wie schon so oft – Glück gehabt am Siggenberg. Auf die Jahresnutzungen gesehen seien die Schäden vernachlässigbar. Was dem Wald hier aber zusetzt, sind der Borkenkäfer und die extreme Trockenheit in diesem Jahr. «Die Temperatur ist das kleinere Problem, es fehlt an Wasser. Da macht man sich schon Gedanken. Wie sieht es in 30 Jahren aus?»

So hätten vor drei bis vier Wochen viele Buchen ihr Laub verloren. Zudem ist es immer stiller geworden, es fehlen die Vögel und Insekten. Bis auf eben jenen Borkenkäfer, der in der Trockenheit noch besser gedeiht. «Die Bäume sind schon lang am Limit», sagt Hollenstein. Bei anhaltender Trockenheit können gerade die grössen Bäume ihre üppigen Kronen nicht mehr mit Wasser versorgen, es droht ein Teilabsterben. «Die nächste Generation wird von sich aus das Höhenwachstum einstellen. Ausser dieser Sommer war ein einmaliges Erlebnis, aber das glaube ich nicht.» Auch die Phase, in der es im Wald zu heiss zum Arbeiten war, war früher deutlich kürzer – abgesehen vom Jahrhundertsommer 2003.

Hinaus in die Natur

Privat zieht es Hollenstein ebenfalls in die Natur. «Ich habe im Sommer viel frei und komme dann im August wieder», erzählt der Forstwart. Zusammen mit seiner Partnerin wandert er gern. Zuletzt ging es erneut nach Kanada, mit Zelt und Mietauto, abgelegen und weit weg vom Geschehen. Ein Ausgleich zum Arbeitsalltag. Aber so ganz zu Hause lassen kann der Forstwart sein Fachwissen natürlich nicht: «Wenn ich sehe, dass nach dem Holzen die Schnitte schräg sind, ärgert mich das.»

«Ich bin im Wald am richtigen Ort gelandet, das muss man wirklich sagen. Es muss natürlich auch für den Betrieb stimmen, überall würden sie so einen wie mich nicht wollen», weiss Hollenstein um seine Eigenheiten. Nach 30 Jahren hat sich aber eine Verbundenheit entwickelt. «Ich habe viele Bäume gesetzt, die ich heute absägen kann. Es ist schön, wenn man sieht, wie es sich verändert.» Ebenso schön sei die Anerkennung der Gemeinde und der Kollegen, aber überhöhen müsse man das Jubiläum nicht. «Andere arbeiten auch lang, aber nicht im gleichen Betrieb», sagt Martin Hollenstein.