Räbeliechtlibrauch im Bilderbuch

Region: Zwei Kindergärtnerinnen haben die Tradition des Räbeliechtliumzugs in ein Bilderbuch gepackt und starten dafür ein Crowdfunding.
Es gibt diesen einen magischen Moment im Spätherbst, wenn die Strassenlaternen erlöschen, Gesang durch die kühle Nachtluft zieht und unzählige kleine Kunstwerke die Dunkelheit in ein warmes, gelbes Meer verwandeln. Für Bettina Schwarz (46) und Maja Weber (70) ist dieser Zauber seit ihrer eigenen Kindheit lebendig gehaltener Alltag. Die beiden Aargauerinnen verbindet eine tiefe Freundschaft, eine gemeinsame Zeit als Kindergärtnerinnen in Tegerfelden und die Leidenschaft für die Augenblicke, in denen Kinderaugen vor Stolz leuchten.
Nun widmen sie dieser Tradition ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch. Das Werk möchte Generationen verbinden und Traditionen lebendig halten. Ergänzt wird die Geschichte durch spielerische Lernmaterialien, Rätsel und sogar ein eigens gestaltetes Schnitzwerkzeug. «Freu dich, bald ist Räbeliechtliumzug!» veröffentlichen sie in Eigenproduktion. Damit die Geschichte den Weg in die Herzen im Aargau und der ganzen Schweiz findet, benötigt die erste Auflage von 500 Büchern noch etwas Rückenwind.
Vom kleinen Samen zum leuchtenden Herzstück
Die Idee für das Herzensprojekt reifte über Jahre. «Bettina lag mir immer wieder in den Ohren, ob ich nicht einmal ein Bilderbuch zum Räbeliechtliumzug machen könnte, weil es dazu kaum etwas gibt», erzählt Maja Weber. Ein eigentlicher Schlüsselmoment fehlte, die Idee wuchs organisch aus dem Kindergartenalltag. Für Bettina Schwarz war der Bedarf klar verankert: «Nicht alle Kinder in meiner Klasse kennen diesen Brauch – manche waren noch nie dabei, weil sie keine älteren Geschwister haben. Andere Kinder stammen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Mir fehlte ein Buch, das die ganze Vorfreude rund um diesen schönen Brauch vermittelt.»
Vor gut einem Jahr konkretisierten die beiden Frauen ihre Pläne. Seit dem Frühling läuft die intensivste Phase: Bettina Schwarz erarbeitete das Drehbuch sowie das Konzept für Kommunikation und den Zeitplan, Maja Weber übernahm das Zeichnen der Illustrationen. Der Text entsteht in enger Abstimmung gemeinsam. «Wir entscheiden zusammen, was über die Sprache und was über die Bilder erzählt werden soll. Es ist ein echtes Gemeinschaftswerk», betont Bettina Schwarz. Als Recherchequelle nutzten die beiden Autorinnen vor allem ihre eigenen pädagogischen Erfahrungen. Das Buch deckt nicht nur die landwirtschaftliche Reise der Räbe ab, sondern greift gezielt emotionale Situationen auf, zum Beispiel das Unterwegssein im Dunkeln ohne Eltern oder das Erlöschen einer Kerze. Solche Unsicherheiten können so im Vorfeld spielerisch abgebaut werden.
Persönliche Handschrift statt KI
Auf KI-generierte Bilder haben die Macherinnen bewusst verzichtet. «Für unser Buch war von Anfang an klar, dass die Illustrationen von Hand entstehen sollen. Majas Zeichnungen haben eine eigene Handschrift, Wärme und Persönlichkeit», führt Bettina Schwarz aus. Maja Weber ergänzt den feinen Bezug zum Brauchtum selbst: «Der Brauch ist handgemacht, und jedes Räbeliechtli sieht anders aus. Dazu passen von Menschen gezeichnete Bilder perfekt.» Gleichzeitig heben beide den bleibenden Wert von gedruckten Kinderbüchern hervor. Es gehe um das gemeinsame Verweilen, das Vorlesen, das Betrachten von Details und das haptische Erlebnis des Papiers, das am Bildschirm schlicht fehle.
«Kinderbücher haben für mich einen grossen emotionalen und sinnlichen Wert. Beim Vorlesen entstehen durch Stimme, Nähe und Aufmerksamkeit andere Reize als am Bildschirm. Ohne digitale Medien verteufeln zu wollen: Es braucht beides. Im Buch kann ein Kind verweilen, Fragen stellen, zurückblättern und Lieblingsbilder immer wieder anschauen. Hinzu kommt das Haptische: ein Buch in der Hand zu halten, zu blättern und das Papier zu fühlen, vertieft das Erlebnis. Früh vorgelesene Geschichten unterstützen zudem den Zugang zum Lesen» so Maja Weber.
Verwurzelt in Tegerfelden
Tegerfelden bildet das verbindende Fundament der beiden Frauen. Bettina Schwarz ist dort aufgewachsen, Maja Weber lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie im Ort. Kennengelernt haben sich die beiden bei der gemeinsamen Arbeit im Kindergarten Tegerfelden. Aus dieser Zeit stammen unzählige Erlebnisse rund um den Herbstbrauch. Um das Projekt zu finanzieren, läuft derzeit eine Crowdfunding-Kampagne auf Wemakeit. Die Reaktionen aus der Region seien sehr berührend. Viele Menschen teilten eigene Erinnerungen oder Anekdoten zu Pannen beim Schnitzen.
Wenn die ersten 400 Exemplare gedruckt sind, soll gefeiert werden. Für die Zukunft haben die beiden bereits Pläne. «Zuerst werden wir uns natürlich ans Fertigstellen und Produzieren der Sachen machen, diese versenden und uns bei all den lieben Leuten bedanken. Einzelne Lesungen sind geplant, aber keine klassische Lesetour. Die eigenen Kindergartenkinder werden natürlich als Erstes die Geschichte erleben. Auch Paten- und Enkelkinder kommen ebenso in den Genuss, und überall, wo dann die Bücher in der Schweiz eintrudeln, werden Kinderaugen garantiert leuchten. Hoffentlich kann unser Buch in einzelnen Bibliotheken ausgeliehen werden. Es wäre schön, wenn wir das nachhaltig prägen könnten» so Bettina Schwarz.