Heimkehr einer Industrie-Ikone

Der offizielle Einweihungsakt der Urturbine stiess auf reges Interesse.

Der offizielle Einweihungsakt der Urturbine stiess auf reges Interesse.

Seit Juli steht die BBC-Urturbine wieder in Baden, und zwar im Erdgeschoss des Konnex-Gebäudes. Bilder: sim

Seit Juli steht die BBC-Urturbine wieder in Baden, und zwar im Erdgeschoss des Konnex-Gebäudes. Bilder: sim

Baden: Nach Jahren des Suchens und der Vorbereitung hat die BBC-Urturbine von 1901 zurück an den Ort ihrer Entstehung gefunden.

Der eigentliche Transport der historischen BBC-Urturbine von 1901 vom GE-Vernova-Gelände in Birr nach Baden erfolgte schon im Juli. Letzte Woche wurde die Heimkehr der Maschine nach Baden, wo sie vor 125 Jahren gebaut wurde, mit einer offiziellen Einweihung gewürdigt.

Das Interesse an der öffentlichen Veranstaltung im Konnex letzten Donnerstag war gross. Rund 150 Interessierte waren gekommen, um dem Festakt beizuwohnen. Viele von ihnen haben eine enge persönliche Beziehung zur Geschichte des Industriestandorts Baden. «Ich schätze, dass heute etwa 2000 Jahre Werkserfahrung in diesem Raum versammelt sind», meinte Peter Wollschlegel, Beisitzer im Vorstand des Vereins Industriewelt Baden, der die Einweihung ausgerichtet hat. Sodann gab er den Anwesenden einen Einblick in die Geschichte der Urturbine, deren Bedeutung für den Badener Industriekonzern BBC (heute ABB) sowie deren Relevanz für die Stadt Baden.

Das Unternehmen von Charles Brown und Walter Boveri spielte eine entscheidende Rolle in der Elektrifizierung der Stadt Baden, der Schweiz und des umliegenden Auslands. Die 1891 gegründete Brown, Boveri & Cie. (BBC) war insgesamt eine der wichtigsten Wegbereiterinnen für die grossflächige Elektrifizierung Europas. Durch wegweisende Innovationen in der Drehstromtechnik, dem Kraftwerksbau und dem Schienenverkehr legte das Unternehmen das technologische Fundament für die moderne europäische Energieinfrastruktur.

Pionierleistung mit Tragweite

Vor der Gründung von BBC war die Energieübertragung über weite Strecken ein ungelöstes Problem. Charles Brown leitete 1891, noch bei der Maschinenfabrik Oerlikon, die historische Drehstromübertragung Lauffen–Frankfurt – die erste Übertragung elektrischer Energie mit hochgespanntem Drehstrom – über eine Distanz von 175 Kilometern. «Der Energieverlust beim Transport lag anfangs bei rund 25 Prozent», führte Peter Wollschlegel aus. Kein schlechter Wert für die damalige Zeit, denn nur wenige Jahre zuvor lag der Energieverlust bei einer ähnlichen Leitung in der Schweiz, die nur acht Kilometer lang war, ebenfalls bei etwa einem Viertel.

Eine weitere bedeutende technologische Neuerung, die in Baden ihren Anfang nahm, war die Entwicklung von Turbomaschinen und Abgasturboladern, für die Charles Brown den Grundstein legte. Perfektioniert wurden die Maschinen später von BBC-Ingenieuren wie Alfred Büchi. «Heute basieren etwa 80 Prozent der weltweiten Stromerzeugung auf solchen Turbomaschinen», erklärte Peter Wollschlegel.

Schwebender Schwertransport

Die nahezu sechs Tonnen schwere Maschine, die im Juli zurück nach Baden gebracht wurde, gilt ihrerseits als bedeutendes Zeugnis der frühen europäischen Dampfturbinentechnik und markiert einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der BBC und des Industriestandorts Baden. Sie ist die erste mehrstufige Dampfturbine, die je auf dem europäischen Festland gebaut wurde, und prägte den Beginn der modernen Stromerzeugung mit. Ursprünglich für die Baumwollspinnerei Wild & Abegg in Turin gebaut, gelangte die Turbine später an die Technische Hochschule Darmstadt, wo sie jahrzehntelang Strom und Heizdampf erzeugte. 1972 kehrte sie in die Schweiz zurück und lagerte zuletzt in Birr.

Der Transport der historischen Urturbine vom GE-Vernova-Gelände in Birr nach Baden gestaltete sich alles andere als einfach. Dafür wurde eigens ein massiver Stahlrahmen konstruiert, der das Gewicht der historischen Gusskonstruktion gleichmässig verteilt und zugleich als Grundlage für die Überführung diente. Mithilfe eines Hallenkrans wurde die Turbine auf einen Tieflader gehoben und anschliessend nach Baden gefahren. Dort wartete die anspruchsvollste Etappe der Reise. Unter dem Stahlrahmen wurden acht spezielle Luftkissen angebracht, mit denen sich die Maschine nahezu reibungslos bewegen liess. Zentimeter für Zentimeter wurde die Urturbine durch Gänge, enge Durchfahrten und schmale Passagen des Konnex-Gebäudes bis zu ihrem neuen Standort manövriert, wo sie auf absehbare Zeit bleiben wird.

Mit der Rückkehr der Turbine nach Baden schliesst sich ein Kreis, denn auf dem Areal des heutigen Konnex nahm vor über 125 Jahren die Erfolgsgeschichte der BBC-Dampfturbinen ihren Anfang. Die Urturbine steht heute nicht nur für die technische Leistung von Charles Brown und Walter Boveri, sondern auch für den Auftakt der zweiten industriellen Revolution und die internationale Bedeutung Badens.