«Du bist extrem schadenfreudig»

Baden: Das einheimische Comedy-Duo Patti Basler und Philippe Kuhn feiert sein 10-Jahr-Jubiläum mit der Premiere von «Postmodern Talking».
Was ist der Unterschied zwischen Modern Talking und Postmodern Talking?
Philippe Kuhn: «Postmodern Talking» entstand als Wortspiel – ich weiss gar nicht mehr, ob es von dir oder mir kam – und blieb bei uns so präsent, dass es fast automatisch zum Titel des neuen Programms wurde. Patti hat ihn dann mit einem intellektuellen Überbau versehen.
Patti Basler: Und Philippe entdeckte, dass Dieter Bohlen ein Visionär war und sein 40-jähriger Hit «Brother Louie» eine Prophezeiung. Die Hookline im Refrain besteht aus der Abfolge der Töne A, F, D. Buchstaben und Worte sind eine Inspiration für mich. Allein mit Wortspielen aus «Postmodern Talking» liesse sich ein Buch schreiben.
Dann könnten Sie nach den vielen Kabarett- und Comedy-Awards auch noch den Schweizer Buchpreis oder den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen …
Basler: Preise sind nicht meine Triebfeder, sie sagen wenig aus über die Qualität. Allen, die in der Schweiz einigermassen ernsthaft Comedy betreiben, wird mal so ein Preis hinterhergeworfen. Das kann Türen öffnen. Aber letztlich zählt nur das Votum des Publikums.
Man sieht Sie nie lachen. War das mal ein erfolgreicher PR-Gag und nun müssen Sie es sich verkneifen?
Basler: Im Gegenteil: Dauerhaftes Lächeln verursacht bei mir einen Kieferkrampf. Dass ich nicht oft lache, fällt wohl auf, weil ich eine Frau bin. Von diesen wird eher ein freundliches Gesicht erwartet. Beim Proben habe ich manchmal Lachanfälle, aber nur bei politisch äusserst unkorrekten Witzen.
Kuhn: Und du bist extrem schadenfreudig! Bei Videos, in denen Missgeschicke passieren, zum Beispiel ein Kind abgelenkt ist und gegen eine Wand läuft, kannst du laut herauslachen.
Basler: Ja, diese ganz archaische, steinzeitliche Schadenfreude ist wohl ein evolutionäres Erbe, das in meiner DNA steckt.
Weshalb ist das neue Programm sicher auch bei Ihnen das beste, das Sie je gemacht haben?
Basler: Wir finden jedes Programm stets das schlechteste, das wir je gemacht haben. Am Anfang. Rückblickend findet man es aber doch ziemlich gelungen und fürchtet, nie wieder so etwas Geniales hinzubekommen. Selbst wenn man am Ende der Tournee die Schnauze voll hat. Jedes Programm wächst mit der Zeit, schleift sich ein, bis man es quasi im Rückenmark hat.
Wie bekommen Sie das hin?
Basler: Wir müssen genau hinschauen, sauber arbeiten, fleissig sein, aber vor allem Drogen konsumieren. In unserem Fall Schnupftabak. Mehr Rock ’n’ Roll liegt leider nicht drin. Zum Glück habe ich mit Philippe einen talentierten Musiker an meiner Seite, so müssen wir für unsere Songs keine KI bemühen. Ich verstehe allerdings, wenn andere Comedians darauf zurückgreifen. Denn ich selbst könnte nicht mal Triangel spielen. Doch bei uns ist jeder Ton handgemacht. Weshalb also ein Generikum, wenn man das Original haben kann?
«Tell Me Mama» zählt zu den Highlights. Wie kamen Sie auf diesen Blues?
Kuhn: Wir wollten das, was ein Kind prägt, das in einem schwierigen Elternhaus aufwächst und häusliche Gewalt erlebt, in der universellen Sprache des Blues und der Mythologie unserer Schweizer Gründungsgeschichte ausdrücken. So sagt Walterli Tell, weil sein Vater auf ihn geschossen hätte, sei er ein so verkorkster Siech, dass er keine Äpfel mehr vertragen würde.
Mitreissend ist zudem «Schlimms Heidi», in dem Sie die weibliche Schweizer Legende in ein Hip-Hop-Gewand stecken. Welchen Bezug haben Sie zu ihr?
Basler: Wie der Text über Walterli Tell entspringt die Nummer über Heidi meinem erziehungswissenschaftlichen Hintergrund. Über die Heidi-Autorin Johanna Spyri habe ich meine Abschlussarbeit an der Uni geschrieben. Sie war Pietistin, all ihre Kindergeschichten sind von der Bibel geprägt. Heidi wurde im Original als eine Predigerin beschrieben, die das Wort Gottes auf die Alp brachte und den Alpöhi als verlorenen Sohn in den Schoss von Kirche und Gesellschaft zurückführte. Spyri und ihr Heidi waren also nichts anderes als christliche Influencerinnen des 19. Jahrhunderts.
Haben Sie den Roman in Ihrer Kindheit geliebt?
Basler: Natürlich! Er war eines der dicksten Bücher im spärlich bestückten Bücherregal. Die Konsalik-Romane entsprachen mir nicht, weil ich mich mit den Frauenfiguren nicht identifizieren konnte. Sie waren zu sehr von der männlichen Perspektive geprägt. Als Bauerntochter, stets barfuss und von der Natur umgeben, fühlte ich mich dem Heidi viel näher.
Woher kommt Ihr spezielles Talent für die Stand-up-Impro, eines Ihrer Markenzeichen?
Basler: Als Hofkind war ich das perfekte Mobbingopfer und wurde von den grossen Buben im Dorf verprügelt. Gewehrt habe ich mich verbal. Zudem kompensiere ich wohl noch immer die ersten 20 Jahre meines Lebens auf dem Bauernhof – ohne Nachbarn, nur umgeben von Kühen, die bloss wiederkäuten. Auf meinem Grab wird wohl dereinst Gras wachsen und von Kühen gefressen werden. Dann wird sich der Circle of Life geschlossen haben.
Wie wägen Sie ab, wie anzüglich oder verletzend Sie gegenüber den Leuten im Publikum sein dürfen?
Basler: Ich möchte nie verletzen, ausser diejenigen, die es verdient haben. Diese kommen aber nicht ins Theater. Es ist ein schmaler Grat.
Ich habe einmal jemanden erwischt, der einen Witz über Hardware und Software gar nicht vertrug, vermutlich hatte er gerade Potenzprobleme. Dieses Thema behandle ich nun vorsichtiger. Beim Publikum in der ersten Reihe spüre ich in der Regel relativ schnell, wer zum Mitmachen bereit ist. Es geht ja auch nicht darum, sich über ein Individuum lustig zu machen, sondern ein unterhaltsames Pingpong zwischen Bühne und Publikum zu entwickeln.
Wer sich am meisten darüber beklagen könnte, dass Sie ziemlich derbe Spässe auf seine Kosten machen, ist Ihr Körper. Mögen Sie ihn nicht?
Basler: In der Comedy ist Selbstironie ein probates Mittel, und über meinen Intellekt kann ich mich nicht lustig machen, hier gibt es zu wenige Schwachstellen. Wir haben alle einen Körper, und in Zeiten von Instagram und KI wird er von allen Seiten bewertet, das können die meisten Menschen nachvollziehen. In diesem Programm wird es eine Nummer über Brüste geben.
Weshalb?
Basler: Mädchen bekommen Brüste und werden plötzlich nicht mehr als Kinder wahrgenommen, sondern als sexuelle Wesen. Das ist für viele ein Trauma. Viele Männer können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, gemustert und an der Grösse der Brüste gemessen oder gelabelt zu werden, insbesondere da ihre Geschlechtsorgane ja im Alltag kaum sichtbar sind.
Sie feiern mit «Postmodern Talking» Ihr zehnjähriges Bestehen als Duo. Wie haben Sie sich gefunden?
Basler: Als ich noch mit Slam-Poetry auftrat, schien es eine gute Idee, meine dichten Texte mit etwas Musik da- zwischen aufzulockern. Da habe ich Philippe hinzugeholt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er irgendwann auch sprechen möchte und zu einem ganz guten Kabarettisten wird. Nun gibt er nicht nur den Takt vor, sondern den Ton an und ist zu meinem Chef geworden.
Kuhn: Da stimmt nicht. Patti ist die Chefin beziehungsweise sie glaubt, sie wäre die Chefin. Jedenfalls hat sie fast immer das letzte Wort.
PremiereFreitag, 25. September, 20 UhrKurtheater, Baden, kurtheater.ch
Ein Badener Comedy-Duo
Die gebürtige Fricktalerin und Wahlbadenerin Patti Basler (50), die bis zu ihrem Studienabschluss im Hauptfach Erziehungswissenschaften 2015 als Sekundarlehrerin arbeitete, begann ihre Bühnenlaufbahn 2009 im Poetry-Slam. Seit zehn Jahren bildet sie mit dem Badener Pianisten, Songschreiber und Produzenten Philippe Kuhn (50) das erfolgreiche Kabarettduo, das 2019 mit dem Salzburger Stier und dem Prix Walo sowie 2024 mit dem Swiss Comedy Award ausgezeichnet wurde. 2022 erhielt sie den Preis für die Kolumnistin des Jahres. Seit 2018 verblüfft sie als Instantprotokollantin am Ende der SRF-Politsendung «Arena». Patti Basler und Philippe Kuhn feiern mit ihrem Programm «Postmodern Talking» am 25. September im Kurtheater Premiere und gastieren am 1. bis 4. April im Theater im Kornhaus nochmals in Baden.
Ticketverlosung
Gewinnen Sie Tickets für die Vor-stellung von «Postmodern Talking» im Theater in Kornhaus in Baden am 1. April 2027 um 20.15 Uhr. Schicken Sie uns eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse mit dem Betreff «Postmodern» an redaktion.rundschau@chmedia.ch.
Einsendeschluss:
Freitag, 2. Oktober, 11 Uhr.
Die Gewinner werden anschliessend sogleich per E-Mail benachrichtigt. Über die Verlosung wird keine Korrespondenz geführt.Viel Glück!